Erwachsen werden, aber schwul!"Henningstadt" - | ||
Nicht jeder, der einen Schreibtisch geschenkt bekommt, sollte daran gleich einen Roman verfassen. Doch Marcus Brühl ist nicht jeder. Nach seinem Romandebüt „Lebensansichten einer gepflegten Tunte“, 1997 unter dem Pseudonym „Penelope“ veröffentlicht, ließ er sich nun durch sein neues Arbeitsmöbel zu frischer Tat inspirieren. Dabei herausgekommen ist „Henningstadt“, ein ebenso filigran witziger wie realitätsnaher Coming-Out-Roman. von Siegfried Straßner Henning
ist 17 und lebt in Henningstadt, einer typischen deutschen Mittelstadt. Und
Henning ist schwul. Dummerweise merkt er das aber ausgerechnet dann, als
seine Freundin Isabell für ihn ihren Lover verlässt. Aber solche Momente
gehören für Henning zum jugendlichen Alltag. Ebenso wie sein schrittweises
und konsequentes Herantasten an die schwule Welt. Denn trotz aller
Verwicklungen ist Henning selbstbewusst genug, um sich mit Neugierde und
Beharrlichkeit als Schwuler in seiner Umgebung zu beh
Mit „Hennigstadt“ ist schwule Coming-Out- Literatur im 21. Jahrhundert angekommen. Marcus Brühl gestaltet das Coming Out seines Protagonisten nicht mehr als existenzielle Sinnkrise oder familiären Mega-GAU. Sicherlich, auch Henning muss sich erst in seiner neuen Lebenssituation zurechtfinden, auch seine Freunde und Eltern benötigen Zeit, um seine neue, jetzt schwule Identität zu akzeptieren. Darüber hinaus beginnt sich Toleranz gegen Schwule in Henningstadt erst ansatzweise zu entfalten. Doch für Henning lautet die primäre Frage nicht mehr „Bin ich schwul?“ sondern „Ich bin wohl schwul. Wie kann ich das richtig leben?“. Diese Suche nach Antworten zeichnete Brühl mit feiner Ironie und scharfem Blick für die kleinen Absurditäten des Alltags. Er beschränkt sich nicht auf Hennings Blickwinkel, sondern stellt ihm fast gleichberechtigt die Sichtweisen von Freundin Isabell und Freund Steffen zur Seite. So ist „Henningstadt“ zugleich Coming-Out-Roman und ein Buch über das Erwachsenwerden an sich. Gesteigert wird das Lesevergnügen durch den hohen Wiedererkennungswert in der ironischen Mischung aus Provinzmief, wohlbekannten Startschwierigkeiten ins schwule Leben und typisch schwulen wie heterosexuellen Eigenarten. Doch das sympathischste an Brühls Schreibstil ist seine Unvoreingenommenheit. Der 25-jährige Berliner Autor wertet nicht, moralisiert nicht und presst Henning auch nicht in ein vorgegebenes Treue- und Eheglückseligkeits-Schema. Brühl lässt Henning den Facettenreichtum schwulen Lebens, von Schwulengruppe über Beziehung bis hin zu Park- und Saunasex, selbst entdecken, ohne eine Form gegen die anderen auszuspielen. Sexualität wird als solche auch beschrieben statt umschrieben und - entgegen der eingeschränkten Phantasie einiger schwuler Jugendverbands-Funktionäre - die Beziehung eines 17-jährigen zu einem über 30-jährigen als funktionierende Möglichkeit dargestellt. Und keine Frage, dass bei Markus Brühl selbst eine Berliner Tunte namens Tete eine tragende Rolle spielen darf. Der Hamburger MännerschwarmSkript hat mit der Herausgabe von „Henningstadt“ bewiesen, welch gehaltvolle Leichtigkeit gute schwule Literatur heute haben kann. Keineswegs nur für junge Schwule unbedingt lesenswert! | ||
| Die Literarischen im
November 2001:
[Henningstadt] [Mann für Mann] | ||
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