Kein Sex mit Anatol

“Die Liebe des Plato” - Briefnovelle von Leopold von Sacher-Masoch


Leopold von Sacher-Masoch: “Die Liebe des Plato”, MännerschwarmSkript Verlag, Hamburg 2001, 114 Seiten, DM 29,80


“Und das Weib, was will es, wenn es mich an seine Brust zieht, als gleich der Natur meine Seele, mein Leben, um daraus neue Geschöpfe zu bilden und mir selbst den Tod zu geben? Seine Lippen sind wie die Wellen des See’s, sie locken, sie kosen - und bethören - und das Ende ist die Vernichtung.” (Seite 25)
“Als das edelste, das beste Gefühl, das uns am meisten Befriedigung bietet, erscheint mir die Freundschaft des Mannes mit dem Manne, weil sie allein auf Gleichheit beruht und vollkommen geistig ist.” (Seite 32)

Es war einmal eine Zeit, da lebten und - man höre und staune! - überlebten Schwule ohne CSD-Paraden, Gaydiscos, Darkrooms und den LSVD. Nicht etwa, dass sie es damals immer besser hatten, geschweige denn überhaupt als “Schwule” in Erscheinung traten. Dennoch gab es auch in den vergangenen Jahrhunderten Männer und Frauen, die einen intensiven Hang zum eigenen Geschlecht in sich verspürten.

von Siegfried Straßner

Einer dieser Männer war der Adlige Henryk von Tarnow. In Briefen an seine hochverehrte Mutter erzählt er die Entwicklung einer geheimnisvollen Affäre mit dem zarten Anatol. Er lernt diesen als durchgeistigten Bruder der Moskowiter Fürstin Nadeschda kennen, deren eigenen Annäherungsversuchen er sich wegen ihres lebensfrohen und weiblichen Naturells standhaft erwehrt. Bis zur Ernüchterung über die wahre Identität seines Angebeteten versucht er mit Anatol sein Ideal einer reinen, geistigen Liebesbeziehung zu leben.

Erdacht wurde Henryk von Tarnow durch den galizischen Schriftsteller Leopold Ritter von Sacher-Masoch. Dieser lebte von 1836 bis 1895 und wurde seinerzeit durch Novellen über das jüdische Leben und seine osteuropäische Heimat zum zunächst erfolgreichen Autor. Seine Darstellung grausamer Frauen, besonders in seiner Novelle “Venus im Pelz”, quittierten ihm seine Zeitgenossen mit der Verbannung in das soziale Abseits und der Schaffung des Begriffs “Masochismus” für die Nachwelt.

Heute fesselt “Die Liebe des Plato” weniger durch literarische Raffinesse als durch den möglichen und hochinteressanten Blick in das 19. Jahrhundert. Die Geschichte an sich ist reichlich simpel und durchschaubar. Doch die Form der Briefnovelle, die Reflexionen des Protagonisten über die Liebe zum Manne - und als Pendant dazu, der zum Weibe - gestatten es dem Leser, in die Gedanken- und Vorstellungswelt eines potentiell schwulen Mannes dieser Epoche einzutauchen. Tarnows Versuche, seine Gefühle für Anatol und andere Männer durch das platonische Ideal für sich und für seine Mutter zu rechtfertigen, wirken aus heutiger Sicht naiv, frauenfeindlich und sublimierend. Seine Handlungsweise erscheint skurril und trägt beispielsweise beim unbeabsichtigten Besuch eines Bordells donquijoteske Züge.

Dennoch wird die in gesellschaftlichen Konventionen verborgene schwule Triebfeder in Tarnows Wesen latent sichtbar, auch wenn sie Sacher-Masoch mit entsexualisierter Geistigkeit und der Verteufelung weiblicher Reize chiffrierte. Tarnows Begeisterung für die Idee der platonischen Liebe einerseits und der Befindlichkeitsromantik in “Die Leiden des jungen Werther” andrerseits geben dieser Novelle den Anstrich einer Happy-End-Fassung von Goethes Werk.

Natürlich ist “Die Liebe des Plato” - erstmals erschienen 1870 - kein schwulemanzipatorisches Werk. Auch sollte man bei der Lektüre nicht vergessen, dass die Novelle nur den beschränkten Blick auf das Leben einer kleinen begüterten und privilegierten Gesellschaftsschicht gestattet. Die breite Masse im vorindustriellen Europa wird kaum versucht haben, sich ihre Gefühle mit Plato, Werther und der griechischen Götterwelt zu erklären. Dass eine mythologische und literaturgeschichtliche Allgemeinbildung selbst heute nicht (mehr) vorausgesetzt werden kann, hat auch der Verleger der Neuausgabe erkannt und diese mit einem umfangreichen Glossar versehen. Hier kann der Leser während der kurzweiligen Lektüre so auch noch das eigene Wissen bzw. Halbwissen überprüfen und sich für die nächsten Runden von Günther Jauchs Ratequiz wappnen.

Trotz eines auffällig umtriebigen Satzfehlerteufels, der selbst vor der Falschschreibung des Protagonistennamens auf dem Umschlagrücken nicht halt machte, verdient der Männerschwarm Skript Verlag Anerkennung für den verlegerischen Mut, diese Novelle neu aufzulegen.


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