Schwul im Knast

Sexualität im Männerknast am Beispiel der JVA Nürnberg


Der Eingang zur Strafhaft in NürnbergZu Beginn ein paar einleitende Worte zur Haftsituation allgemein. Eingesperrt werden, das kann jedem passieren, egal ob schuldig oder unschuldig. Als Ausländer zum Beispiel reichen schon kleinste Vergehen aus, um zumindest wegen der angenommenen Fluchtgefahr bis zur Hauptverhandlung in Untersuchungshaft zu kommen.

von STW*

Nach der Festnahme durch die Polizei wird man in der Regel am nächsten Tag dem Ermittlungsrichter vorgeführt, von dem dann auf Antrag der Staatsanwaltschaft der Haftbefehl ausgestellt wird. Dann geht es in die Haftanstalt. Dort wird man gründlichst durchsucht. Persönliche Sachen muss man meist abgeben und flugs findet man sich alleingelassen in einer 9qm Zelle wieder, vielleicht aber auch in einer Gemeinschaftszelle mit bis zu vier weiteren Gefangenen.

In der Untersuchungshaft, also vor einer Verurteilung, gibt es oftmals keine Arbeit. So ist man 23 Stunden in der Zelle eingesperrt, hat eine Stunde Hofgang am Tag, zweimal die Woche ist Duschen. Für maximal 300 DM kann man, so man sie hat, an zwei Terminen monatlich beim Anstaltskaufmann einkaufen: Tabak, Zeitungen, bestimmte Lebensmittel, Körperpflegeprodukte. Da der Kaufmann sich seines Monopols bewusst ist, ergibt sich ein Preisniveau 30% - 50% über den herkömmlichen Handelspreisen. Besuch kann man ein bis zwei Stunden pro Monat erhalten, abhängig vom Ermittlungsrichter, der die Besuchsscheine ausstellt. Verweigert man zum Tatvorwurf die Aussage, kann eine Besuchssperre wegen Verdunklungsgefahr verhängt werden. Briefe werden vom Richter gelesen und sind somit etwa zwei Wochen unterwegs.

In Strafhaft, also nach einer rechtskräftigen Verurteilung, besteht Arbeitspflicht: Acht Stunden täglich für rund DM 150,- im Monat. Die Post dauert nur noch einen Tag, da die Kontrolle gleich in der Anstalt stattfindet. In Nürnberg ist nach der Arbeit von 16.15 Uhr bis 21.15 Uhr "Aufschluss" auf den Abteilungen von je ca. 20 - 30 Männern. In dieser Zeit kann man in den Gemeisnchaftsfernsehraum, kann die Abteilungsküche nutzen, duschen gehen, oder mit den Mitgefangenen die Zeit totschlagen. Insgesamt ist das Leben in "Strafhaft" meist erträglicher, als in Untersuchungshaft. Die Räumlichkeiten sind - zumindest in Nürnberg - in einem baulich erheblich besseren Zustand, es gibt den Aufschluss und mehr Möglichkeiten, diesen zu gestalten.

Eingang zur U-HaftSexualität im Knast, darunter stellt man sich im Allgemeinen Selbstbefriedigung, Vergewaltigung unter der Dusche oder homosexuelle Beziehungen unter Gefangenen vor. All dies gibt es - teilweise leider - wirklich. Die Vergewaltigung bleibt allerdings doch eher die Ausnahme, wobei die Gefahr, Opfer zu werden, in Anstalten für Langzeitstrafen sicherlich höher einzuschätzen ist. Meist wird der Druck durch Onanie abgelassen. Dazu gibt es, um der Phantasie Nahrung zu geben, eine Vielzahl sich illegal im Umlauf befindlicher Pornos. Diese werden zwischen den Gefangenen verliehen und gehandelt. Wird man im Besitz eines solchen "Schmuddelheftchens" erwischt, gibt es ein Disziplinarverfahren, das Strafen wie Teilnahmeverbot am Aufschluss, Einkaufssperre oder sogar Arrest zur Folge haben kann. In den Augen der Justiz gefährden Pornos die "Sicherheit und Ordnung" - und wichsen gibt einen krummen Rücken (nein, Ersteres stimmt, Letzteres mag auch noch mancher glauben). Meist werden die Gefangenen von den Schließern beim abendlichen Einschluß eh mitleidig beguckt. Wenn dann noch ein Wichsblättchen, im Jargon auch "Schüttelcomic" genannt, aus der Zelle gefilzt wird, darf sich der überführte Onanist ein paar Tage später vor einer womöglich weiblichen Bediensteten beim Strafreport über den Umgang mit seinen Hormonen rechtfertigen. Jeder mag sich selbst die Peinlichkeit dieses Geschehens ausmalen.

Homosexualität ist zumindest in der JVA Nürnberg erst einmal kein Problem. Oftmals ist es besser, offen zu seiner Neigung zu stehen, da Gerüchte oft schlimmere Folgen haben, als bekannte Tatsachen. Die Prahlereien der Männer mit ihren Frauengeschichten stellen wohl die größte Hürde da, sich als Schwuler zu outen. Wer bei den Prahlereien jedoch nicht glaubhaft mitreden kann, erweckt schon Verdacht. Ein Gefangener, den die anderen so erstmal im Visier haben, muss damit rechnen, Opfer von Hohn und Spott zu werden. Schlimmstenfalls wird er zu sexuellen Handlungen gezwungen. Da ist es oftmals besser, die Karten gleich auf den Tisch zu legen und so den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bekennende Schwule werden - merkwürdigerweise - meist in Ruhe gelassen.

In der Hierarchie des Knastes hat der Schwule eine wechselnde Position. Verhält er sich gegenüber seinen Mitgefangenen korrekt und drängt er ihnen seine Sexualität nicht auf, wird er nur selten Probleme bekommen. Baggert er dagegen den Falschen an, riskiert er schnell, Opfer physischer Gewalt zu werden. Die Hemmschwellen sind niedrig und das Gewaltpotential ist hoch. Bietet er sich für sexuelle Dienstleistungen an, hat er schnell den Ruf einer Schlampe, sein Ansehen sinkt auf Null. Niemand wird sich mehr ernsthaft mit ihm befassen wollen, er ist nur noch Objekt zur Triebbefriedigung.

Beziehungen entstehen immer wieder. Ob regelmäßige Quickies unter der Dusche, oder als Versuch einer ernsthaften Beziehung zwischen zwei bekennenden Schwulen. All dies sollte jedoch im Verborgenen geschehen, da "Pärchen" damit rechnen müssen, aus Gründen der "Sicherheit und Ordnung" (hatten wir das nicht schon?), getrennt und in verschiedene JVAs verlegt zu werden. Schließlich kann es nicht angehen, dass Schwule sich vergnügen, während es sich die bedauernswerten Heteros aus den Rippen schwitzen müssen - oder sich eben für Kaffee oder Zigaretten von entsprechenden "Dienstleistern" einen blasen lassen.

Die Infektionsgefahr mit HIV und Hepatitis ist in Haft besonders akut. Kondome gibt es in der Regel beim ärztlichen Dienst. Der steht zwar unter Schweigepflicht. Doch ob diese eingehalten wird, ist fraglich. Gerade die hohe Hepatitis B und C-Infektionsrate von bis zu 80% der Gefangenen, macht SaferSex zur absoluten Notwendigkeit. Auch der ausufernde Drogenkonsum in Haftanstalten und die restriktive Weigerung seitens des bayrischen Justizministeriums, Einwegspritzen zur Verfügung zu stellen, tragen zur epidemischen Verbreitung von Virusinfektionen bei.

Dass Resozialisierung - und damit ein im Interesse der Allgemeinheit liegendes straffreies Leben - auch dadurch stattfinden könnte, dass ein Männerpärchen sich im Knast findet und später zusammen lebt und das Leben meistert, mag die Justiz nicht verstehen. Liebe wird im Strafvollzug schon in ihrer Entstehung behindert. So wird Sexualität im Knast immer etwas Schmutziges sein müssen. Sie bedient sich hardcore-Fotos und Plakaten, billiger Schmuddelfilmchen im abendlichen Fernsehprogramm, Prostitution und heimlicher schwuler Beziehungen. Heteros werden oft durch die lange Zeit des Eingesperrtseins "knastschwul", auf der Suche nach menschlicher Wärme, nach Zärtlichkeit, nach sexueller Befriedigung. Dies bleibt nicht ohne Folgen für ihr künftiges Beziehungsleben "Draußen". Ex-Häftlinge, die ohnehin schon Schwierigkeiten mit ihrer Sozialisation haben, geraten dann auch noch bezüglich ihrer sexuellen Identität in Konflikt. Durch die Lebensumstände im Knast verrohen Denken und Sprache, schwinden Gefühle, Nähe, Zärtlichkeit. Für jemanden, der noch nie in Haft war, ist es kaum vorstellbar, was es bedeutet, von seinen Nächsten getrennt zu sein. Die nahezu totale Unterbindung zärtlicher Intimität, die Unmöglichkeit, Sexualität in befriedigender Weise zu leben, programmiert die Entfremdung der Geschlechter.

Eine feste Bindung nach draußen - Liebe - kann das Gefühlsleben der womöglich über viele Jahre getrennten Menschen kaum kompensieren. Der Verlust des Partners ist dann oft nur eine Frage der Zeit, der völlige soziale Abstieg eine fast zwangsläufige Folge. In den meisten Bundesländern ist man daher dazu übergegangen, Langzeitbesuchsräume einzurichten, in denen die Partner ungestört und unbeobachtet einige Stunden miteinander verbringen dürfen. Auf Anfrage, warum dies in Bayern nicht möglich ist, hört man aus dem Ministerium lediglich, dass da ja verbotene Gegenstände übergeben werden könnten. Dass dies ein vorgeschobenes Argument ist, zeigt die Tatsache, dass es auch ohne Langzeitbesuche Pornos, Handys, Alkohol und Drogen im Knast gibt, zumindest für den, der es sich leisten kann.

* Der Text stammt von einem ehemaligen Häftling der JVA Nürnberg, der der Redaktion selbstverständlich bekannt ist.


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