Veröffentlicht / Released: 25Feb98

(NSP 9803 #14)


Neues vom Fliederfunk

Interview von Jan Marco Becker


Etwas hat überlebt!

 

Nicht nur Fliederlich begießt heuer sein 20jähriges Bestehen, auch der Fliederfunk hat ein Jubiläum zu feiern: Er wird am 16. Juni zehn Jahre alt (entgegen so manchem Volksglauben hat er übrigens nichts mit Fliederlich zu tun, die Namensähnlichkeit sollte damals bei Gründung des ersten schwulen Radiomagazins in Bayern lediglich die brüder- bzw. schwesterliche Verbundenheit mit der seinerzeit bereits seit zehn Jahren bestehenden Schwulengruppe deutlich machen). Grund genug für uns, die Kollegen von der sprechenden Zunft im Vorfeld des großen Ereignisses mal wieder unter die Lupe zu nehmen, zumal es in letzter Zeit doch recht still geworden ist um den ehemaligen ‘Skandalfunk’.

Eigentlich müßte Radio Z den damaligen Redakteuren vom Fliederfunk sogar dankbar sein, denn der Wirbel, den die ‘Lederserie’ 1993 verursachte, bescherte dem kleinen Sender einen immensen Bekanntheitsgrad und einen ungeahnten Aufschwung. Nahezu alle großen und renommierten Tages-, Wochen- und Monatszeitungen griffen seinerzeit das Thema um die angebliche ‘Anleitung zu sadomasochistischen Sexspielen’ auf und berichteten mal negativ, mal positiv über David Z’s Kampf gegen Goliath Bayerische Landesmedienzentrale, die sogar mit der Abschaltung des ganzen Senders drohte. Eine haushohe Solidaritätswelle rollte auf Radio Z zu und mobilisierte alle verfügbaren Kräfte gegen das herrschende rechtslastige Machtgefüge im Freistaat.

Wir erinnern uns: Im Herbst 1993 sendete der Fliederfunk in wöchentlichem Abstand eine Serie, die sich mit den verschiedenen Spielarten der Sexualität in der Lederszene befaßte. Angefangen bei den Taschentuch-Farbcodes ging es über Fessel- und Wachsspiele, einige S/M-Variationen bis hin zum Fistfucking. Genau einen Monat nachdem die letzte Folge der Serie über den Äther ging, schickte eine Ärztin aus Erlangen einen Beschwerdebrief mitsamt dem fein säuberlich abgetippten Manuskript fast der kompletten Serie an den äußerst rechts orientierten Erlanger Verein ‘Bürger fragen Journalisten e.V.’, dessen Mitglied sie auch ist, mit folgendem Inhalt ab: "In den letzten Wochen wurden in der Sendereihe ‘Fliederfunk’ des Privatsenders ‘Radio Z’ in Nürnberg mehrere Beiträge zu dem Thema ‘Leder’ gebracht. In diesen Sendungen werden auf die widerlichste Weise perverse sadomasochistische Praktiken Homosexueller dargestellt und für sie geworben (siehe beiliegende Abschriften der Sendungen). Da gerade auch Jugendliche diese Sendungen hören (sie wird jeden Donnerstag zwischen 21 und 22 Uhr ausgestrahlt), erachte ich es als dringend, etwas dagegen zu unternehmen. Ich möchte Sie bitten, sich dafür zu verwenden, daß die Weiterverbreitung derartiger, die Menschenwürde verletzender Beiträge gestoppt wird."

Die Frage mag erlaubt sein, warum die besorgte Ärztin erst das Ende der neunwöchigen Serie und danach noch weitere vier Wochen abwartete, bevor sie ihr Beschwerdepamphlet absandte, wenn ihr doch angeblich der Jugendschutz so sehr am Herzen lag. Warum schritt sie nicht schon viel früher ein? Der Verdacht drängte sich auf, daß die ‘Lederserie’ nur ein willkommener Anlaß war, um das ungeliebte linksalternative Radio, das den rechten Kräften im Sauberland Bayern schon lange ein Dorn im Auge war, mittels einer gut vorbereiteten Kampagne endlich abzuschalten. Alle schienen mitzuspielen: Die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM), rechtlich gesehen oberster Dienstherr aller privaten Radios in Bayern, griff die Beschwerde gerne auf und verdonnerte den Sender zu einschneidenden, restriktiven redaktionellen Maßnahmen, ohne eine gerichtliche Prüfung abzuwarten. Am gravierendsten war, daß die Fliederfunk-Redakteure, die obendrein noch vom Z-Vorstand kurzerhand rausgeschmissen und ausgewechselt wurden, jede ihrer Sendungen fortan zuerst nach München schicken und von der BLM genehmigen lassen mußten, bevor sie sie senden durften. Das war selbstverständlich keine Zensur, die findet ja bekanntlich nicht statt. Damals gaben die Z-Oberen ein leuchtendes Beispiel davon ab, wie weit es mit der vielgerühmten Solidarität innerhalb der linksalternativen Szene her ist: Noch bei der Gründung von Radio Z wollte man und frau keinesfalls ohne die Schwulen auf Sendung gehen, ein paar Jahre später bekamen sie dann einen Tritt in den Arsch, um den eigenen selbigen zu retten.

Die Staatsanwaltschaft Nürnberg hatte dann im Juni 1994 das Verfahren gegen Radio Z eingestellt, die Anklage wegen Verbreitung pornographischer Inhalte wurde aufgrund eines Verbotsirrtums fallengelassen, und von einer Jugendgefährdung war überhaupt keine Rede mehr. Was die BLM allerdings wenig beeindruckte. Sie machte weiter von ihrem ‘Hausrecht’ Gebrauch und ließ sich jede Fliederfunksendung vor Ausstrahlung vorlegen, und zwar noch ein weiteres halbes Jahr lang bis Ende 1994! Erst danach durfte wieder live gesendet werden, jedoch nicht ohne die strenge Oberaufsicht durch den Z-Vorstand und die Programmverantwortlichen. Fliederfunk war längst nicht mehr der alte. Neue, unqualifizierte und unerfahrene Redakteure, jede Sendung vorgeprüft und weichgespült, da blieb nichts mehr übrig von dem ehemals kritischen, brandaktuellen und kurzweiligen schwulen Radiomagazin. Das blieb auch eine ganze Weile so. Erst seit einigen Monaten scheint sich so etwas wie ein Aufschwung abzuzeichnen. Der Fliederfunk bekam Zuwachs von zwei Hamburgern, die bis dato beim ‘Pink Channel’, dem schwulen Magazin der Hansestadt, aktiv waren. Sie brachten frischen Wind – sozusagen eine ‘steife Brise’ – in das marode, heruntergewirtschaftete und vor sich hin dümpelnde Magazin und sorgen seither für eine neue Programmstruktur mit Wiedererkennungswert, für interessante Beiträge aus allen Bereichen schwulen Lebens und für eine fast durchweg angenehm hörbare Sendung. Ich habe mich mit Uli und Thorsten getroffen und mich mit ihnen über den ‘neuen Fliederfunk’ unterhalten.

 

NSP: "Was ist denn neu am ‘neuen Fliederfunk’?"

U+T: "Die Sendung hat jetzt eine feste Struktur, wenn die Hörer einschalten, wissen sie, so und so ist die Sendung aufgebaut. Sie wird geteilt durch den Nachrichtenblock in der Mitte, in der ersten Hälfte kommt Aktuelles aus Politik und Zeitgeschehen, in der zweiten Hälfte im Moment unsere Hörspiel-Soap und die Veranstaltungshinweise am Schluß. Was uns wichtig war, ist das bereits angesprochene Format. Wir selber sind ja auch alle Hörer. Wir sind jetzt sieben Leute insgesamt und etwa drei bis vier, die in jeder Sendung da sind. Es gibt konkrete Absprachen und feste Zuständigkeiten, wer was macht."

 

NSP: "Wie sieht die Situation insgesamt bei Radio Z aus?"

U+T: "Bei Z ist ja momentan auch vieles im Umbruch. Da brechen doch jetzt so einige Strukturen auf. Althergebrachtes wird plötzlich in Frage gestellt oder sogar abgeschafft. Das hängt sicherlich nicht nur mit den neuen Leuten zusammen, die jetzt da sind, sondern auch mit Forderungen von außen, seitens nämlich der BLM und der Frequenzfrage, denn Ende dieses Jahres werden die Frequenzen neu verteilt. Und der Mitanbieter auf der 95,8 MHz, Radio Energy, ist sehr daran interessiert, die ganze Frequenz zu bekommen. Ausweichmöglichkeit für Z wäre dann nur die sogenannte ‘Autobahnfrequenz’, die sehr viel schwächer sendet und somit nicht über den Nürnberger Autobahnring hinausgeht. Da aber sehr viele Macher und Mitglieder von Z nördlich des Ringes wohnen, zum Beispiel in Erlangen, würden die dann ihr eigenes Projekt gar nicht mehr hören."

NSP: "Wie sieht denn die Unterstützung durch Radio Z aus, und zwar in redaktioneller, technischer und in finanzieller Hinsicht?"

U+T: "Wenn es brisante Themen gibt, hat es wenig Sinn, die Oberen von Z darauf anzusprechen, weil die das wahrscheinlich mit dem Bauch entscheiden würden. Die können es fachlich nicht entscheiden, weil keine Juristen dabei sind. Da ist die BLM für uns qualifizierter als der Z-Vorstand. Wir wenden uns dann schon mal direkt an die Fachleute in München, wenn es um konkrete, senderechtliche Fragen geht. Ansonsten ist die Zusammenarbeit mit dem Vorstand recht gut. Wir bekommen immer wieder mal Hinweise auf Themen und Veranstaltungen genannt, wo man Beiträge daraus machen könnte. Was die Ausbildung angeht, wir machen jetzt interne Weiterbildungsveranstaltungen, also fliederfunkinterne, wobei Z’ler natürlich auch gerne dazu eingeladen sind.

Was die Technik betrifft, das Problem bei Z ist, daß es nicht allen Leuten wichtig ist mit der Technik. Wir haben jetzt durchgesetzt, daß Z eine komplett neue Bandmaschinenausstattung bekommt. Da ist dann ein DAT-Gerät dabei, zwei Mini-Disc-Player und zwei professionelle Studio-CD-Player. Dafür ist dieses Jahr ein Etat von 10.000,- Mark vorgesehen. Außerdem soll ein drittes Studio eingerichtet werden. Um es auf einen Nenner zu bringen, bei Z tut sich was. Das heißt, bei Z haben im Moment mehr die Realos das Sagen. Und die Fliederfunker zählen sich auch zu den Realos.

Finanziell trägt sich der Fliederfunk mehr oder weniger im Moment selbst, das heißt, wir kaufen unsere Bänder, Cassetten und CD’s selber. Wir würden gerne öfter was verlosen, aber solange wir das auch noch selber kaufen müßten, geht das eben nicht. Insofern sind wir für jede Form der Unterstützung dankbar. Gedacht wird auch an so etwas wie eine Fördermitgliedschaft für den Fliederfunk, oder Werbung, die zweckgebunden direkt an einen Fliederfunk-Förderverein geht. Da der Fliederfunk im Moment aber rein rechtlich gesehen keine Form hat, kommen wir natürlich auch nicht an irgendwelche Töpfe heran."

 

NSP: "Was plant ihr für die Zukunft?"

U+T: "Zunächst steht da natürlich mal die Zehnjahresfeier ins Haus. Wie das konkret ablaufen soll, ist noch nicht ganz sicher, vielleicht gehen wir da in eine Discothek oder so. Ganz toll wäre es natürlich, wenn sich möglichst viele frühere Fliederfunker melden würden, die uns dann erzählen könnten, wie es zum Beispiel in den Anfängen des schwulen Radios war. Das nächste ist, daß wir wohl in irgendeiner Form auf dem CSD vertreten sein werden, so es denn in diesem Jahr einen in Nürnberg geben sollte. Wir wollen auch in der Nürnberger Szene präsenter werden. Wovon wir gerne mehr hätten, wäre Feedback durch die Hörer. Uns interessiert nicht nur, wieviele Hörer wir haben, sondern wir wollen auch wissen, was sie hören wollen."

 

NSP: "Und nun noch die Stellenausschreibung..."

U+T: "Was uns wichtig ist, sind nicht nur Leute, die fest einsteigen, sondern sozusagen auch Gelegenheitsarbeiter. Wer Lust hat oder sich dafür interessiert, kann gerne vorbeikommen, auch während der Sendung, und einfach mal zuschauen. Besonders interessant für uns wäre jemand, der sich gut mit Computern auskennt und sich um eine Präsentation im Internet kümmern könnte, so daß sich die Hörer schon vorab informieren könnten, was es in der nächsten Sendung an Themen gibt. Eine E-Mail-Adresse haben wir zumindest schon mal, also man kann uns auch anmailen unter <ffn0911@t-online.de>. Wir planen auch zusätzlich eine feste Redaktionssitzung im Monat, die soll jeweils am letzten Sonntag um 15 Uhr sein, aber dafür suchen wir noch einen geeigneten Ort."

 

NSP: "Vielen Dank für das interessante Gespräch, alles Gute für die Zukunft, und zum Schluß noch Adresse und Telefonnummer, unter der der Fliederfunk zu erreichen ist: Radio Z, Redaktion Fliederfunk, Kopernikusplatz 12, 90459 Nürnberg, Tel. 0911-450060 oder 0911-4500666 (Hotline während der Sendung), Fax: 0911-4500677 und - wie gesagt - auch email: ffn0911@t-online.de."